Unterwegs auf dem Jakobsweg

von St. Jean Pied de Port nach

Santiago de Compostela

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04.September 2000 gegen 11.00 Uhr - Start meiner ersehnten Pilgerwanderung auf dem 'camino' in St. Jean Pied de Port / Frankreich - am Fuße der Pyrenäen, nach Santiago de Compostela / Nordspanien, .zum Grab des
 heiligen Apostels Jakobus.

... Ich krabbele aus einem Bretterverlies einer Kinderrutsche, meinem Nachtquartier, denn die Pilgerherberge hier war überfüllt. Ich bin noch etwas benommen, denn die ganze Nacht über hielt ich Ausschau, nach was auch immer ... Jetzt aber endlich! Der ersehnte Abmarsch... 
Es geht aufwärts. Saftgrüne Wiesen, sanfte Hügel und Schafherden erfreuen mein Auge. Nach zwei Tagen Autofahrt fällt das Laufen noch schwer. Der Rucksack drückt noch schwer auf den Schultern ...    

Reiseberichte, Unterwegs auf dem Jakobsweg

Zwei rosarote Schweine am Wegesrand wünschen mir grunzend Glück ...     

Reiseberichte, Unterwegs auf dem Jakobsweg

Was wird mich erwarten auf meiner langen Pilgerwanderung ???  700 Kilometer liegen vor mir ...

Wie wird meine Ankunft in Santiago sein ?

Wird sich etwas ändern in meinem Denken, an meiner Wahrnehmung ?

Vergibt der Heilige Jakobus auch im modernen 2000 noch Sünden ? Fragen über Fragen ...

... doch zuerst müssen die Pyrenäen überquert werden. Ich habe sie mir ganz anders vorgestellt... wilder, zerklüfteter, höher. An der Stelle meiner Überquerung sind sie sanft, brav und grün. 
Drei dunkelbraune Hausschweine kommen mir entgegen, auch sie sind auf  Wanderschaft. Ich verziehe mich schnell auf einen kleinen Fels - man weiß ja nie...  

Schafherden wohin das Auge schaut. Liebliches Glockengeläut klingt an mein Ohr ...  

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Am Horizont die Silhouette eines kräftigen Pferdekörpers. Über mir kreisen majestätisch Adler mit mächtigen Schwingen. Stellenweise bläst der Wind frisch und stark. Mir ist kalt. 
Endlich geht es wieder bergab... durch Büsche und Wald. Ein flüchtiger Gedanke der Angst überkommt mich - bald wird es finster sein, wie weit ist es noch bis zum nächsten Ort ??? Kein Haus, kein Kirchturm - nichts ist zu sehen.

Da! Ein Gebäude schimmert durch's Laub. Ich nähere mich... es scheint ein altes Kloster zu sein. 
Beim queren eines klaren, aber eiskalten Gebirgsbaches kommt mir der Gedanke einer Körperreinigung, noch weiß ich nicht, wo ich schlafe, auch nicht, ob ich meinen müden Körper mit einer gar warmen Dusche verwöhnen kann...?

Ja! Es ist ein Kloster! Es ist riesengroß... und Jakobus hat damit die erste Überraschung für mich bereit : ein Bett und eine warme Dusche erwarten mich. Doch nicht nur das, auch dürfen wir Pilger noch eine katholische Messe in der Klosterkirche erleben. 
Der Gesang der Geistlichen fesselt mich. Und bei der Pilgerbegrüßung werde ich hellhörig: es sind an diesen Abend 100 Pilger im Kloster! Pilger aus Kanada, Brasilien, Amerika, Australien... Ich glaube mich verhört zu haben; dass hätte ich nicht erwartet! Und natürlich Europäer. 
Zurück im Zimmer, duschen, Abendbrot, danach schlafe ich sofort ein. (Dank Ohrstöpsel!)

Nächster Morgen: Ich erwache, und erkenne: unser Zimmer ist leer! Alle 25 Mann, weg! Und draußen herrscht noch tiefste Nacht! Finster!  - Habe ich eine Bombendrohung verschlafen?, ist mein erster Gedanke. Doch nein, alle Pilgrims scheinen die Kühle des Morgens nutzen zu wollen...

Bergauf... bergab... ich bin fast allein auf dem Weg, denn die meisten Pilger sind ja schon weit vor mir. 
Es gibt vom Tau gewaschene Brombeeren in Hülle und Fülle am Wegesrand - sie ergänzen mein Frühstück. 
Natur hüllt mich ein... dann ein kleines gemütliches Dörflein... da ein Brunnen mit frischem Bergwasser. Ich fülle meine Trinkflasche. Dann  erreiche ich auch schon das Ende des Dorfes... die Natur hat mich wieder... 

Ein Pilgrim ist mit Gitarre unterwegs. Hoffentlich schlafen wir einmal gemeinsam in einem Refugio - einer Pilgerherberge -, hoffe ich insgeheim, damit ich ihn mal spielen höre...

...Tau liegt noch auf den zartgrünen Wiesen... doch die Sonne steigt höher und mit ihrem Kommen wird es gemütlich warm. Und wieder darf ich wandern... staunen... glücklich sein... bis zum Sonnenuntergang.

... eine herrliche Brücke führt über den größten Fluss Nordspaniens, den Ebro, und nach Logrono, der Hauptstadt der spanischen Region La Rioja, dem wichtigsten Weinbaugebiet Spaniens. Ich staune über die Baukunst der Architekten damaliger Zeit... die Brückenbogen vereinen sich im Wasser zu einem Kreis... 

Reiseberichte, Unterwegs auf dem Jakobsweg, Logrono

Trotz meiner Müdigkeit bummle ich durch Logrono. Es ist eine lebendige Stadt, Menschen sitzen in Straßencafes, flanieren durch die Alleen, und am historischen Platz vor der majestätischen Kathedrale mischen sich noch viele Touristen zu den Einheimischen... welch ein Kontrast!  
22.00 Uhr kaufe ich mein Abendbrot im Supermarkt (in Deutschland undenkbar!) und schlafe wenig später auf dem Balkon - in den Zimmern ist es viel zu heiß - der Pilgerherberge geschafft aber glücklich ein. 

... Ich verlasse Logrono und bin wieder verzaubert von der unbeschreiblich friedlichen Landschaft ...

Es gab auch einen Regentag...    

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... auf dem Bild rechts von mir ist Wolfgang aus Schwäbisch-Hall. Er ist mit seiner Hündin "Daisy" von Schwäbisch-Hall bis nach Santiago unterwegs... durch Deutschland ist er mit Karte und Kompass gelaufen, da es hier  keine gut ausgebauten Pilgerwege mehr gibt. (Doch sie sind wieder am Entstehen!)
In Frankreich sind die Pilgerwege, wie in Spanien auch, erhalten geblieben und sehr gut gekennzeichnet. 
Wolfgang ist mit Zelt unterwegs, da er mit Hund nicht oder nur sehr selten in den Pilgerherbergen unterkommt...

Für durstige Pilgrims gibt es Wasser und Wein des Weges ... 

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Wenig später konnte man deutlich die Wirkung des roten Rebensaftes erkennen... unzählbar viele Steinmännchen säumten plötzlich den Weg ... ein Pilger trennte sich schmerzlich von seinen alten zerrissenen Schuhen ...

Ich erreiche die Kathedrale von Santo Domingo de la Calzada ... und ja, es ist wahr!!
Ich erblicke mit meinen eigenen Augen einen weißen Hahn und eine weiße Henne! Diese Tiere werden hier in einem Käfig gehalten und täglich ausgewechselt. Folgende Legende liegt dem zu Grunde: Ein Ehepaar mit Sohn war auf Pilgerfahrt nach Santiago und übernachtete im Wirtshaus zu Santo Domingo. Die Wirtstochter verliebte sich in den Jungen, aber dieser nicht in sie und zog am nächsten Tag mit seinen Eltern weiter. Das beleidigte Mädchen aber, hatte einen silbernen Becher in sein Gepäck gesteckt und zeigte ihn des Diebstahls an. Der Becher wurde gefunden und der Junge zum Tod durch Erhängen verurteilt. Als die Eltern nach Vollstreckung der Todesstrafe noch einmal zum Baum gingen, an dem ihr Sohn hing, überraschte es sie, dass ihr Junge lebend am Baum hing, denn SANTO DOMINGO stütze ihn. Das Ehepaar begab sich zum Richter, um ihm von dem Wunder zu berichten, welches die Unschuld ihres Sohnes bewies. Der Richter saß gerade am Mittagstisch und sagte, dass der Junge so lebendig sei, wie die zwei Hühnchen, die er jetzt verspeisen wolle. Daraufhin flogen die beiden Hühnchen davon... Das ist die bekannteste Legende des Jakobsweges, und in vielen Ländern, auch in Deutschland, findet man in einigen Kirchen Darstellungen dazu.

Villafranca Montes de Oca, nein diese Unterkunft gefällt mir so gar nicht, ich will weiter nach San Juan de Ortega und im dortigen, im 12. Jahrhundert errichteten Kloster schlafen. Zu schaffen ist ja alles, wenn man nur will. Und so beunruhigt es mich gar nicht, dass ich Villafranca gerade erst verlasse, die Sonne gleich untergehen will, und ich noch gute 12 Kilometer zu laufen habe...

Um mich herum Bäume, der Vollmond zeigt sich in strahlenden Licht... ich kann die Romantik genießen, denn ich bin nicht allein, ich habe einen Beschützer an meiner Seite.
Endlich lichtet sich dann der Wald ... der Vollmond ist größer ... strahlt gedämpfter... hängt wie ein Lampion am Himmel... Schafe verraten sich durch ihre Glöckchen... und auch die Klosterglocken melden sich zu Wort... hell durchdringen sie die Stille... es schlägt 22.00 Uhr. Schemenhaft zeigt sich das Kloster in der Dunkelheit. Mir fällt ein Stein vom Herzen... "Wo kommen sie denn jetzt noch her??!!" - die aufgebrachte Frage der Pilgermutter.

Am nächsten Tag wird mir meine Bestellung geliefert: Hinter einem Denkmalstein sehe ich sie... und sie mich. Braune Augen fixieren mich. Sie hat einen smaragtgrün schimmernden Körper, gut einen Meter lang. 
Bloß gut, dass ein Stein uns trennt und ich notfalls drauf klettern kann! Doch, wer hat hier mehr Angst? 
Die Schlange oder ich?
In dem kurzen Moment, in dem ich meinen Gefährten rufe, um sie auch ihm zu zeigen, ist sie verschwunden...

 

Burgos empfängt mich mit Lärm und Gestank, eine Großstadt eben. Doch Burgos entpuppt sich dann auch als eine Stadt mit vielen erstklassigen Sehenswürdigkeiten. Abends in der Pilgerherberge begegne ich einer älteren Frau, vielleicht 80 Jahre? Oder auch älter...? Sie "handyd" mit ihren Verwandten, ja, es gehe ihr gut, ja, sie käme bald nach Hause. Sie trägt einfache Stoffturnschuhe, hat nur einen winzigen Rucksack bei sich - meine hight tech - Schuhe nutzen mir da gar nichts, ich sehe sie nie wieder... 

In Sahagun treffe ich Anton, anstatt Rucksack hat er einen Drei-Rad-Wagen, um sein Gepäck zu befördern. Er erschafft wunderschöne Dinge: Bilder und Skulpturen. Auf dem Jakobsweg lässt er sich inspirieren...

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Ich durchwandere unbeschreiblich idyllische Ortschaften... ich spüre Frieden ... und Energie... ich finde Orte der Kraft. In einem Ort entdecke ich Erdhügel-Wohnungen, diese sind aber, bis auf einige Ausnahmen, nicht mehr bewohnt. Die meisten dienen heutzutage als Keller... nicht nur für Wein.  

Siesta ist angesagt... vor mir ein Hirte mit seiner Schafherde... zwei zutraulichen Hunden und einem Esel. Links, abgesondert von der Schafherde, eine Schafmutter mit ihrem Lämmchen. Fasziniert beobachte ich das Geschehen: Lämmchen krabbelt mühsam auf seine vier Beinchen... viel zu anstrengend, denkt es wohl und schon liegt es wieder im Grass... Mutter fordert es geduldig auf, wieder aufzustehen... Lämmchen gehorcht... aber... und wieder liegt es im Grass... lockende Gesten der Schafmutter muntern es immer wieder auf aufzustehen... eine halbe Stunde ist es gerade mal auf der Welt... ich genieße diese seltene Idylle...

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Leon, für mich die schönste Großstadt am Jakobsweg, begeistert mich mit ihren historischen Bauwerken. Mit Recht sagt man wohl, dass hier die schönste Kathedrale Spaniens zu finden ist. Unweit von dieser, kann man das Gebäude "Casa de Botines" bewundern, dessen Architekt Antoni Gaudi war. Gusseisern sitzt er auf einer Bank und betrachtet sein Werk... 
Eine Vorfreude auf Astorga befällt mich, denn dort steht der ebenfalls von ihm erschaffene Bischofspalast, 
1889 - 1913 gebaut in seinem unverkennbaren neugotischen Jugendstil. 
Diese Nacht verbringe ich im Benediktinerkloster, die Nonnen geben extra für uns Pilger eine Abendmesse. 
Der engelhafte Gesang der Nonnen nimmt mich gefangen und begleitet mich in meine Träume...

...Mönche in braunen Kutten schreiten durch den Kreuzgang im Innenhof des Klosters und singen Gregorianische Weisen... Mein Herz schlägt, schlagartig bin ich munter - eine wirkliche Seltenheit bei mir! Schnell aufstehen und dieses einmalige Geschehen bloß nicht verpassen! Ich habe Adrenalin im Blut... 
Doch die Gregorianische Musik kommt nur aus einem Kassettenrecorder,  welcher im Frühstückszimmer läuft... 
von singenden Mönchen keine Spur.
Immerhin, dieses Erlebnis bewegte mich zum Kauf einer Musik-CD mit Gregorianischen Klängen und ließ mich schon zu früher Stunde putz munter sein.

... Wieder weite Felder wohin das Auge schaut. Ich bin frei und glücklich.
Inmitten dieser Weite eine winzige Eremitage... eine runde Kuppel verleiht ihr einen orientalischen Hauch.
Ich liege auf dem Erdboden und beobachte die Schwalben... mir scheint, sie küssen sich im Fluge...

Der Pilgervater kocht Linseneintopf... mit ihm sind wir zu siebent. Wir sitzen auf der kleinen Terrasse... ich esse mindestens 5 Teller Eintopf... und genieße die nahende Nacht... Toiletten und Duschen gibt es hier keine, dafür Romantik pur... 
doch bloß nicht zu weit weg bewegen... die Nacht lebt... sogar Wölfe soll es hier geben, meint der Pilgervater. 
Der Vollmond scheint... wir begeben uns zur Ruh... und schlagartig ist es aus mit der Romantik... einer der Pilger schnarcht fürchterlich...

Der Mond ist noch im Blau des Himmels zu sehen und wehmütig verlasse ich diese Oase in dem Wissen, 
hierher kehre ich irgendwann einmal  zurück.

...

Santiago de Compostela und der Heilige Jakobus warten immer noch auf mich ... 
denn plötzlich war der Weg das Ziel... 

Ich bin sehr dankbar, dass ich diesen Camino mit all seinen Geheimnissen - die man nicht beschreiben kann, sondern die jeder Mensche für sich selbst erfahren darf - und mit seinen wunderbaren Menschen aus aller Welt, erleben durfte.

Auf dem Jakobsweg habe ich erfahren, wie wenig man zum Glücklichsein braucht. In früheren Zeiten, und zu bestimmten Anlässen auch jetzt manchmal noch, hat für eine Woche Urlaub ein Koffer kaum gereicht.
Jetzt standen vier!! Wochen Jakobsweg an, du meine Güte, was nehme ich bloß alles mit ?? Eine Frage, die jede Frau sicherlich nachempfinden kann. Der Berg der zusammengesuchten Sachen war größer als mein Rucksack. Also musste notgedrungen  so einiges zu Hause bleiben. Und ich habe es nicht vermisst! Nur das jedem sicherlich bekannte Gefühl war da, dass ich dies nicht habe und jenes auch nicht und das eine auf jeden Fall  hätte noch mitnehmen müssen, doch das Gefühl hatte ich nur solange, bis ich eben eines Besseren belehrt wurde...
 


Der Jakobsweg galt im Mittelalter neben den Wallfahrten nach Rom und Jerusalem als wichtigster Pilgerweg. Heute ist er wieder aktuell denn je und auch in Deutschland teilweise schon wieder ausgeschildert und begehbar.
Das Pilgern kommt also wieder in 'Mode'. Vielleicht nicht, um sich seine Schuld vergeben zu lassen. Vielmehr ist es ein Unterwegssein zu sich selbst...
Romy Ch. Fehrmann

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